Steht der Immobilienmarkt vor einer Verkaufswelle?
Einen großen Ausverkauf von Immobilien durch ältere Eigentümer:innen gibt es aktuell noch nicht. Doch in den kommenden Jahren könnte mehr Angebot auf den Markt kommen.
Seit einiger Zeit wird am Immobilienmarkt über einen möglichen „Silver Tsunami“ gesprochen. Gemeint ist damit die Erwartung, dass viele Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen, sogenannte Babyboomer, in den kommenden Jahren ihre Immobilien verkaufen und dadurch das Angebot deutlich steigt.
Obwohl die Alterung dieser Jahrgänge langfristig für zusätzliches Angebot sorgen dürfte, zeichnet sich eine große Verkaufswelle bislang nicht ab. Von einem flächendeckenden „Silver Tsunami“ könne derzeit keine Rede sein, erklärt Pekka Sagner vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.
Besonders relevant könnte die Entwicklung dennoch bei Einfamilienhäusern, Reihenhäusern und größeren Eigentumswohnungen werden. Viele ältere Eigentümer:innen bleiben nach dem Auszug ihrer Kinder in Immobilien, die für ihren heutigen Bedarf zu groß und häufig nicht altersgerecht sind.
Immobilien kommen eher nach und nach auf den Markt
Ein Grund für die bislang ausbleibende Verkaufswelle liegt in der Zusammensetzung der Babyboomer. Zu dieser Gruppe zählen Menschen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren geboren wurden. Damit reicht die Altersspanne von etwa 60-Jährigen bis hin zu Hausbesitzer:innen um die 80.
Entsprechend unterscheiden sich auch die Lebenssituationen und Bedürfnisse erheblich. Während ein Umzug in eine altersgerechte Wohnung für ältere Eigentümer:innen bereits infrage kommen kann, ist das für jüngere Babyboomer häufig noch kein Thema. Ein zusätzlicher Verkaufsdruck dürfte sich deshalb über viele Jahre entwickeln und nicht plötzlich einsetzen.
Hinzu kommt, dass es älteren Menschen teilweise an passenden Alternativen zu ihrem bisherigen Zuhause fehlt. Selbst wenn die Bereitschaft für einen Umzug vorhanden ist, kann das den Wechsel erschweren.
Zinsen beeinflussen den Immobilienmarkt kurzfristig stärker
Auch die Zinswende seit 2022 wird als möglicher Auslöser für zusätzliche Verkäufe diskutiert. Durch die gestiegenen Finanzierungskosten könnten Eigentümer:innen mit teureren Anschlussfinanzierungen unter Druck geraten. Eine Immobilienflut erwartet Sagner dadurch jedoch nicht.
Die Zinswende habe zunächst vor allem die Nachfrage und die Zahl der Transaktionen gedrückt und zu moderat sinkenden Preisen geführt. Inzwischen hätten sich die Kaufpreise stabilisiert und seien zuletzt wieder gestiegen.
Für die kurzfristige Entwicklung des Immobilienmarktes seien die Zinsen deshalb wichtiger als die demografische Entwicklung. Sie beeinflussen unmittelbar, wie finanzierbar ein Kauf ist und damit auch Nachfrage, Preise und Transaktionen. Die Alterung der Babyboomer wirkt dagegen vor allem langfristig und bestimmt, welches zusätzliche Angebot in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entstehen könnte.
Verkaufsdruck hängt stark von der Region ab
Wie stark sich ein wachsendes Angebot auf den Immobilienmarkt auswirkt, hängt außerdem vom Standort ab. In dünn besiedelten ländlichen Regionen gibt es teilweise schon heute mehr Immobilien als Nachfrage. Mangelnde Infrastruktur und schlechte Zukunftsaussichten können diese Situation zusätzlich verschärfen.
In den großen Ballungsräumen ist das Verhältnis dagegen umgekehrt: Dort trifft ein knappes Angebot auf eine hohe Nachfrage. Zusätzliche Immobilien dürften deshalb häufig vom Markt aufgenommen werden, ohne dass die Preise dadurch grundsätzlich unter Druck geraten.
Für Kaufinteressierte bedeutet ein steigendes Angebot durch ältere Eigentümer:innen daher nicht automatisch bessere Chancen. In kleineren Städten und ländlichen Regionen könnte es mehr Auswahl und größere Verhandlungsspielräume geben. In den Ballungsräumen bleibt Wohnraum dagegen knapp. Ein bundesweiter Preisrutsch allein durch die Babyboomer ist laut Sagner nicht zu erwarten.