Sind Energieausweise bald nicht mehr aussagekräftig?
Ein Energieausweis soll Aufschluss über die anfallenden Energiekosten in einer Immobilie geben. Expert:innen warnen jetzt davor, dass die aktuellen Dokumente oftmals nicht aussagekräftig sind.
Ein Energieausweis ist beim Verkauf und bei der Vermietung einer Immobilie ein Muss. Er soll Interessent:innen darauf hinweisen, wie viel Energie zum Beheizen des Gebäudes benötigt wird. In Zeiten krisenbedingter Schwankungen der Energiepreise sind diese Daten besonders interessant. Ausrechnet jetzt stellen Expert:innen die Aussagekraft aktuell verwendeter Energieausweise in Frage. Die Kritik bezieht sich auf die sogenannten Verbrauchsausweise, die den Energiebedarf anhand der Verbräuche der letzten drei Jahre auszeichnen.
Betrachtungszeitraum nicht repräsentativ
„Es ist davon auszugehen, dass ein Großteil der im Jahr 2023 und den Folgejahren ausgestellten und in den nächsten Jahren gültigen Energieausweise praktisch unbrauchbar sein wird“, äußerte sich die Wissenschaftlerin und Energieberaterin Constanze Liepold von der RWTH Aachen im „Spiegel“.
Grund dafür sei die Ausnahmesituation der vergangenen Jahre. 2020 und 2021 waren von der Corona-Pandemie gezeichnet – die Menschen verbrachten deutlich mehr Zeit zu Hause und hatten so einen höheren Energieverbrauch. 2022 war hingegen geprägt von der Energiekrise, die auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und die staatlichen Sanktionen folgte. Die Energiepreise stiegen stark und Verbraucher:innen waren deswegen zum Sparen angehalten. „Wenn nun im Jahr 2023 Energieausweise auf Basis der Verbräuche der letzten drei Jahre ausgestellt werden, lassen diese keinesfalls Rückschlüsse auf die Verbräuche der kommenden Jahre zu“, erklärte Liepold. Das Problem: Einmal ausgestellte Energieausweise haben laut Gesetz eine Gültigkeit von zehn Jahren.
Bedarfsausweise als teurere Alternative
Eine detailliertere Betrachtung der Energieeffizienz einer Immobilie liefern Bedarfsausweise. Sie basieren auf den energetischen Eigenschaften von Gebäuden und beziehen etwa das Baujahr, die Heizungsanlage und durchgeführte Sanierungen ein. Dadurch lässt sich der Energiebedarf einer Immobilie deutlich objektiver ermitteln. Vorgeschrieben sind Bedarfsausweise aktuell aber nur bei wenigen Gebäuden. Verlangen Interessent:innen so einen Energieausweis von den Eigentümer:innen einer Immobilie, können Kosten zwischen 100 und 500 Euro dafür anfallen.
Christian Handwerk von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) den Angaben in Verbrauchsausweisen nicht blind zu vertrauen, „denn das individuelle Verhalten hat große Auswirkungen auf die Zahlen.“ Potenzielle Immobilienkäufer:innen und Mieter:innen sollten außerdem das Ausstelldatum des Energieausweises betrachten. Wurde er noch vor den Krisenjahren ausgestellt, steigt die Aussagekraft über den Energiebedarf des Gebäudes zumindest. Liepold und ihr Kollege Paul Fabianek von der RWTH Aachen sprechen sich für längere Betrachtungszeiträume für Verbrauchsausweise aus. Eine Alternative sehen sie in der Ausweitung der Pflicht zum Bedarfsausweis.